Einstiegsaufgabe 

In der 7. Klasse, wenn die SuS neu in die Oberstufe eintreten, startet Hanspeter Fiechter auf Real- und Sekundarschulstufe mit der selben Einstiegsaufgabe in den Unterricht im Bildnerischen Gestalten. Er kündigt die Aufgabe als „Aufgabe in Zwischenschritten“ an, bei welcher die SuS dadurch gefordert – aber gleichzeitig auch entlastet sind, indem sie etwas zu zeichnen haben, von dem sie keine konkrete Ahnung haben (können), und dies erst noch in kürzester Zeit (nur eine Minute) tun müssen. Ausradieren ist keine Option, da schlicht die Zeit fehlt.

Jeder SuS erhält ein Zeichenpapier im Format DIN A4 und rüstet sich mit verschieden Farbstiften aus. Hanspeter Fiechter leitet für diese Einstiegsaufgabe jeden Schritt mit einer kurzen Geschichte ein, die Assoziationen in den SuS wecken soll. So beginnt er beispielsweise damit, eine Geschichte über die „Bernina 3000“ zu erzählen, die 7 Meter lange Nähmaschine, in welche vorne Schafe hineinpassen und hinten Pullover herauskommen. Auf der Höhe von 4m 30cm klemme die Maschine oft, da sie in der Entwicklung noch in den Kinderschuhen stecke. Ein Monteur soll den Schaden nun beheben. „Zeichne was dieser Monteur von oben durch die geöffnete Kontrollklappe sieht!“. Sobald diese Aufforderung ausgesprochen ist, haben die SuS eine Minute Zeit, ihrer Phantasie zeichnerisch freien Lauf zu lassen. Sie gestalten dabei sofort das ganze Blatt, dürfen auch über dessen Rand hinauszeichnen, jedoch nicht kritzeln, keine Schriften, keine Buchstaben und ebenso wenig hellgelb, braun, schwarz und grau verwenden; dafür aber den gewählten Farbstift möglichst präzise, mit wenig Absetzungen, in klarer Linienführung verwenden.

Nach genau einer Minute ist damit die erste Zeichnung abgeschlossen und vorbei, das Blatt wird dem Nachbarschüler weitergereicht. Die SuS behandeln das so wandernde Blatt jeweils immer wie ein leeres Blatt. Und schon wartet der nächste Minuteneinsatz, nachdem Hanspeter Fiechter als Erzähler diesmal z.B. die Krankengeschichte der Kuh „Flora“ erzählt, die gebläht ist, da sie etwas Falsches gegessen habe, oder ein Rippenbruch die Ursache ihres Lahmens sein könnte. Sie wird ins Tierspital transportiert und geröntgt. „Zeichne nun was auf dem Röntgenbild zu sehen ist!“. Mit einer anderen Farbe zeichnen die Schülerinnen und Schüler erneut eine Minute lang. Dieser Modus wiederholt sich 5-6 Mal.

Im Anschluss werden die Zeichnungen im Plenum betrachtet und vorbesprochen, um die spezifischen Voraussetzungen zum Weiterfahren klar zu machen. Einige Ziele in den nachfolgenden Schritten sind beispielsweise

  • die Prägung der Begriffe „Farbe“ und „Ton“, ihre Definition, ihre Beziehung zueinander und ihre Unterschiede
  • Umgang mit der Farbstifttechnik
  • Erlebnis eines Rhythmuswechsels
  • den SuS aufzeigen, dass Gestalten-Können nicht nur von der Realität oder einem vermeintlich objektiven und vorgegebenen Vor-Bild ausgelöst und initiiert werden kann, sondern dass der Zufall ebenso wichtig ist, für das Auslösen von gestalterischen Prozessen. (Der Begriff Zufall wird hier vom Verb „zufallen“ her verwendet. Was fällt mir zu, wenn ich die Umstände / Bedingungen entsprechend anordne.)

Nach dem spielerischen Einstieg zeigt Hp. Fiechter nun die nächsten Schritte, mit denen die aufgeführten Ziele erreicht werden sollen, vor und vermittelt so die Strategie und die zur Bewertung ausschlaggebenden Kriterien. Praktisch geht es nun also darum die Flächen, die durch die sich überschneidenden Linien entstanden sind, mit Farbstift ausgefüllt werden. Von jeder verwendeten Farbe soll man mindestens zwei Töne unterscheiden können. Als gegensätzliches Erlebnis und als Herausforderung müssen die Schülerinnen und Schüler nun also präzise arbeiten. Die Arbeit erfordert einen Aufwand von 4 Doppellektionen.

Die Schule soll also ein Ort sein, wo es möglich ist, über das „Fehler-Machen“, das Vermuten und das selbständige Entscheiden, weiterzukommen; wo das „Experiment“ – wie im Leben auch – ein/das Lernprinzip ist. Das Scheitern über ent- und verwerfen ist ein wichtiger Bestandteil der Unterrichtsphilosophie von Hanspeter Fiechter.


Hanspeter Fiechter arbeitet als Künstler und als Lehrperson. Seit 1982 leitet er eine eigene Malschule und unterrichtet an der Oberstufenschule Urtenen-Schönbühl. Früher als Klassenlehrperson, mit den Fächern Sprachen, Geschichte und Bildnerisches Gestalten, unterrichtet er seit 8 Jahren an dieser Schule ausschliesslich Bildnerisches Gestalten, ist für die Schulentwicklung verantwortlich. Er ist seit 25 Jahren Praxislehrperson für die PH und unterrichtet zudem seit 8 Jahren auch in einem Teilpensum Malerei an der Schule für Gestaltung in Bern.

Kontakt: ha_fiechter@bluewin.ch

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